Die Esskultur Okinawas

Die traditionelle Esskultur Okinawas bezeichnet die eigentümliche lokale Kochkultur, die auch „Ryūkyū-Küche“ genannt wird. Sie umfasst verschiedene Elemente wie Zutaten, Zubereitungsmethoden, Sitten, Bräuche usw. und ist mit der Kultur des Alltagslebens gleichzusetzen. Die Basis wird durch das Gefühl der Dankbarkeit für die Natur und die klimatischen Verhältnisse sowie durch die Gemütseinstellung gebildet, die Verbindungen mit der Familie und der Gemeinschaft hochzuschätzen. Auch der Austausch mit Japan, China und anderen Ländern übt Einfluss darauf aus. Die präzise Klassifikation und Definition der Ryūkyū-Küche, die sich im Laufe der Zeit mit verschiedenen Einflüssen vermischt und weiterentwickelt hat, ist äußerst schwierig, doch man kann sie grob in „Hofküche“ und „Hausmannskost“ einteilen. Die Ryūkyū-Küche, der Stützpfeiler der okinawanischen Esskultur, wird mittels dieser beiden Strömungen in die Gegenwart überliefert.

Die durch „Utuimuchi“ („Omotenashi“: Gastfreundschaft) geprägte Hofküche, die sich unter den starken Einflüssen aus Japan und China entwickelte

Okinawa war seit 1429 etwa 450 Jahre lang ein unabhängiger Staat, der „Ryūkyū-Königreich“ genannt wurde. Hauptsächlich am Hof in der Burg Shuri wurden zahlreiche Bankette abgehalten, um Besucher von königlichen Festlichkeiten und Zeremonien sowie Gesandte aus China und Magistrate des japanischen Satsuma-Lehens zu bewirten. Zu diesem Zweck ist eine besondere Hofküche mit ausgefeilten Zubereitungsmethoden und Techniken entstanden. Später wurde die Hofküche in der gesellschaftlichen Oberschicht populär und breitete sich nach dem Untergang des Ryūkyū-Königreichs und der Gründung der japanischen Präfektur Okinawa in der Meiji-Zeit (1868–1912) auch im gemeinen Volk aus, wodurch sie sich noch mehr weiterentwickelte. Dass die Einteilung in Hofküche und Hausmannskost so schwierig ist, liegt auch an diesem geschichtlichen Hintergrund.

„Tundābun“ ist eine typische Art von Geschirr der Hofküche und ein repräsentatives Beispiel für Ryūkyū-Lackwaren. Diese Tabletts gibt es in verschiedenen Formen, beispielsweise viereckig (für fünf Speisen), sechseckig (für sieben Speisen), achteckig (für neun Speisen) oder rund. In den kleinen in das Tablett eingepassten Schalen werden entsprechend der Anzahl der Gäste hochwertige „Sake-no-sakana“ (zu Alkohol gereichte Speisen) mit schönen Farben und Formen angerichtet, deren Geschmack sich nicht verändert, auch wenn sie abkühlen. Dazu gehören etwa „Hana-ika“ (blumenförmiger Tintenfisch), „Minudaru“ (geschmortes Schweinefleisch in schwarzer Sesamsauce), „Kamaboko“ (Fischpastete) mit Blattsenf, „Gunbōmachi“ (in Schweinefleisch gewickelt gebratene Klettenwurzel), „Kutinpura“ (kleines Tenpura), frittierte „Tānmu“ (Taimo-Kartoffel), „Shishi-kamaboko“ (Fischpastete mit Schweinefleisch), „Hanbin“ (auch „Hanpen“, eine Art Fischpastete), „Urachiki-chinuku“ (mit Fischpastete gefüllte Pilze), „Konbu-maki“ (in Konbu gewickelter Fisch), „Sūchikī“ (in Salz eingelegtes Schweinefleisch), „Biragaramachi“ (in Frühlingszwiebeln gewickelte Fischpastete mit Miso) und mehr.

Das Wort „Tundā“ in Tundābun wird übrigens mit den Schriftzeichen für „Oststraße“ geschrieben, was sich auf die Erzählung des „Herren der Oststraße“ in chinesischen geschichtlichen Aufzeichnungen bezieht. Es bringt die Rolle eines Gastgebers zum Ausdruck, der seine Gäste bewirtet. Das Tundābun ist demnach eine Verkörperung des Geistes der in der Region Ryūkyū herrschenden Gastfreundschaft („Utuimuchi“).

„Ishoku-dōgen“ (Medizin und Essen haben denselben Ursprung) – Hausmannskost wird dank kreativer Ideen „Nuchigusui“ (Medizin für das Leben)

Die okinawanische Hausmannskost hat in einem Klima, das sich von dem des japanischen Festlandes unterscheidet, eine eigenständige Entwicklung durchgemacht. Im Meer und auf den Feldern gesammelte Zutaten werden unter Ausnutzung des im Alltagsleben angehäuften Wissens durch Braten, Einkochen, Auspressen, Dämpfen usw. effektiv verwendet. Die Küche des gemeinen Volkes ist sehr ausgewogen und basiert auf dem Prinzip „Ishoku-dōgen“, wonach mit dem alltäglichen Essen Krankheiten behandelt und vorgebeugt werden können. Die okinawanische Hausmannskost wird „Kusuimun“ (Dinge, die Medizin sein können) oder „Nuchigusui“ (Medizin für das Leben) genannt und ist ein wichtiger Teil des Alltagslebens.

Die okinawanische Alltagsküche kombiniert Zutaten mittels verschiedener Zubereitungsmethoden in geschickter Weise zu ausgewogenen Gerichten wie „Chanpurū“ oder „Nitsuke“ (Gekochtes/Geschmortes) usw. Auch wenn sich aufgrund des Nahrungsmittelmangels in der Nachkriegszeit oder des Einflusses der Besatzung durch die USA die Zutaten oder der Stil der Mahlzeiten geändert haben mögen, sind die Zubereitungsmethoden unverändert geblieben und entwickeln sich auch heute immer noch weiter.

Die Esskultur Okinawas gilt zwar als Faktor, der die Langlebigkeit der Einheimischen unterstützt, doch es ist auch Tatsache, dass diese traditionelle Esskultur inmitten der raschen Veränderungen unserer Zeit in ihrer Existenz bedroht ist. Angesichts dieses Problems werden in der Präfektur Okinawa verschiedene Anstrengungen unternommen, um fachlich qualifizierte Nachfolger auszubilden, die Okinawas traditionelle Esskultur erhalten. Dazu gehören Kurse zur Vertiefung des allgemeinen Verständnisses der historischen und geografischen Hintergründe sowie der Ursprünge von festlichen Gerichten und dem dafür verwendeten Geschirr und dergleichen. Ferner erwerben die Teilnehmer auch Kenntnisse und Fähigkeiten zur Weitergabe der Zubereitungsmethoden und des Geschmacks. Sie sollen die Esskultur pflegen und verbreiten und werden u. a. als „Überlieferer der Ryūkyū-Küche“ zertifiziert.

Wir würden uns freuen, wenn Sie bei einem Besuch in Okinawa die Ryūkyū-Küche kosten und durch diesen Genuss die Erhaltung, Verbreitung und Weiterführung dieser einzigartigen okinawanischen Esskultur unterstützen, die im Laufe ihrer langen Geschichte und durch den Austausch mit verschiedenen Ländern im Alltagsleben der einheimischen Menschen geformt wurde.

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