Die Welt des Okinawa-Karate

Karate ist auch als „Heiwa no Bu“ bekannt – die Kampfkunst des Friedens. Eine Kunst, die von mehr als 130 Millionen Karatebegeisterten rund um die Welt ausgeübt wird. Bei den Olympischen Spielen 2020 in Tokio wird Karate zum ersten Mal als olympische Disziplin auftreten und mit Sicherheit noch mehr Menschen für diese Kunst begeistern. In diesem Artikel kehren wir zu Okinawa zurück, zu einer Präfektur im Süden Japans, in der diese Kampfkunst geboren wurde. Dazu lernen wir die Grundzüge des Okinawa-Karate, seine Geschichte und seine kontinuierliche Weiterentwicklung kennen.

Die Grundzüge im Herzen des Okinawa-Karate

„Bei Karate greifst du nie zuerst an.“
„Triff nicht. Lass dich nicht treffen. Streit aus dem Wege zu gehen ist das erste Gesetz.“
„Vergiss niemals: Karate beginnt und endet mit Respekt.“ 

Wenn wir ein wenig über die weisen Worte der Meister des Okinawa-Karate nachdenken, wird schnell deutlich, dass Karate eine Kunst des Friedens, der Demut ist. Die Karateausbildung ebnet einen Weg zur Entwicklung anspruchsvoller Kampfkunsttechniken, die in der Form (dem Kata) schlummern, klärt aber auch den Geist auf seinem Pfad zu einem friedlichen, würdevollen Leben. Diese zeitlosen inneren Prinzipien sind es, die jeden Karateka auf der ganzen Welt auszeichnen. Die Wege des Karate sind facettenreich, überwinden die Grenzen der zahlreichen unterschiedlichen Stile, die vom traditionellen Karate bis zur modernen sportlichen Form reichen.

Die Geschichte des Okinawa-Karate

Über einen Zeitraum von 450 Jahren – genauer: von 1429 bis 1879 – bildeten die Inseln von Okinawa das unabhängige Königreich Ryukyu, das damals eine florierende Brücke zwischen den unterschiedlichen Nationen schuf. Seine Bewohner unterhielten schwunghaften Handel mit benachbarten Ländern, mit der Zeit verschmolzen die Einflüsse unterschiedlicher Völker zu einer ganz besonderen Kultur: zur ganz besonderen Kultur des Königreiches Ryukyu. Karate ist ein Aspekt ebendieser Kultur, wobei seine ersten Wurzeln wegen des Fehlens historischer Dokumente nicht ganz eindeutig sind. Dennoch ist es möglich, die Entwicklungsgeschichte des Karate von seiner Wiege in Okinawa bis zum heutigen Tag recht verlässlich nachzuvollziehen.

  1. Seit jeher gab es eine besondere Kunst der Selbstverteidigung in Okinawa, die Ti genannt wurde. Das Schriftzeichen dieser Kunst war das Zeichen „手“, Ti, das „Hand“ bedeutete.
  2. 1372, also noch bevor das Königreich Ryukyu ausgerufen wurde, knüpften die Inselbewohner die ersten Handelsbeziehungen zu anderen Nationen, unter anderem zu China. Dabei gelangten auch Kampfkünste aus Annan (Vietnam), Siam (Thailand), Malacca (Malaysia) und China zu den Inseln Okinawas. Diese Kampfkünste vereinigten sich mit dem örtlichen Kampfstil Ti und schufen eine neue, dem Leben in Ryukyu angepasste Kunstform, die später als Karate bekannt wurde.
  3. Während der Regentschaft des Ryukyu-Königs Sho Shin (1477 bis 1526) lebte die herrschende Schicht vornehmlich in Shuri. Ti wurde intensiv gelehrt und stieg alsbald zu einem bestimmenden Element der lokalen Kultur auf. Nachdem Heerscharen aus Satsuma im Jahre 1609 in Ryukyu einfielen und den Einwohnern das Tragen von Waffen verboten, entwickelte sich Karate im Schatten dieser Besatzung kontinuierlich weiter.

In den Zeiten der Ryukyu-Dynastie erlebte Ti einen weiteren Aufschwung, entwickelte sich unter den Händen bekannter Meister wie Sokon Matsumura, Kanryo Higaonna und Kosaku Matsumora stetig weiter. Später gliederte sich Karate in drei unterschiedliche Stile auf, nämlich in Shuri-te, Naha-te und Tomari-te. Aus diesen drei Stilen entstanden die unterschiedlichen Schulen, die Ryuha.

1879 löste die japanische Meiji-Regierung das Königreich Ryukyu auf, das fortan die japanische Präfektur Okinawa bildete. In dieser Zeit verfeinerten die unterschiedlichen Ryuha, die Schulen, ihre eigenen Stile. Zur selben Zeit verhalfen Meister wie Anko Itosu der Karatekunst zu einem moderneren Gewand und sorgten dafür, dass diese Kunst nicht nur ernsthaften Kampfkünstlern, sondern auch Schulkindern und der allgemeinen Öffentlichkeit zugänglich wurde.

Okinawa wurde letztendlich an Japan angegliedert. So kam es, dass Karate sowohl auf der Hauptinsel als auch im Ausland immer bekannter wurde. Der ausgeübte Karatestil allerdings unterschied sich von Region zu Region. Dies ist auch der Grund für die zahlreichen Unterschiede, die heute zwischen den in Okinawa und dem restlichen Japan gelehrten Varianten bestehen. In Okinawa kristallisierten sich im Wesentlichen die Schulen Shorin-ryu, Goju-ryu und Uechi-ryu heraus. Shorin-ryu (Shorin-ryu, Matsubayashi-ryu und Isshin-ryu) leiten sich von Shuri-te und Tomari-te ab. Goju-ryu ging aus Naha-te hervor. Uechi-ryu dagegen wurde von Kanbun Uechi gegründet, nachdem dieser die Kampfkunst Pangainoon unter dem Meister Shu Shiwa in China studierte.

Nach dem Zweiten Weltkrieg wurden die etwas starren Regeln, die für Stile, Varianten und Dojos (Trainingsräume) galten, etwas flexibler. Dojos konnten nun auch ohne enge Bindung an eine bestimmte Organisation betrieben werden. Okinawa-Karateschüler (Karateka) errichteten Dojos auf der japanischen Hauptinsel, auf Militärbasen in Okinawa stationierte Amerikaner nahmen ihre dort erworbenen Karatekenntnisse mit nachhause. Zur Verbreitung der Karatekunst trugen auch zahlreiche Einwohner Okinawas bei, die nach Nordamerika, Südamerika und Europa reisten oder dorthin auswanderten. Bis zum heutigen Tage schlägt auch in diesen Satellitenorganisationen und Dojos das spirituelle Herz, das die Karatekunst in Okinawa seit jeher auszeichnete.

In den letzten Jahren erfreute sich Vollkontaktkarate zunehmender Beliebtheit, obendrein wurde Karate mittlerweile auch zur olympischen Wettbewerbssportart erhoben. Darüber hinaus wächst auch die Anzahl der Karatekas, die nach Okinawa reisen, um die Wiege der Karatekunst kennenzulernen. Dabei atmet jeder Stil und jede Schule nach wie vor die universellen Wahrheiten und Leidenschaften, die diese Kampfkunst von Beginn an auszeichnete.

Die Zukunft des Okinawa-Karate

Da Karate nun auch in die Olympischen Spiele einzieht, werden sich immer mehr Menschen dieser Kampfkunst bewusst. Daher ist es für Okinawa besonders wichtig, den Menschen der Welt das kulturelle Erbe des Okinawa-Karate zu vermitteln und für künftige Generationen zu bewahren.

In Okinawa wurden die meisten Karategroßmeister als Träger immaterieller kultureller Werte in den Bereichen Okinawa-Karate und Kampfkünste mit Waffen anerkannt. Die Okinawa-Karatehalle wurde im Jahre 2017 eröffnet, dient seitdem als Austragungsort internationaler Karatewettkämpfe und Seminare. „Okinawa, die Wiege des Karate“ ist ein Leitbild, das sich sowohl im Inland wie auch im Ausland verbreitet. Der „Okinawa Karate UNESCO Registration Promotion Council“ (zu Deutsch etwa: Gremium zur Förderung der Okinawa-Karate-Aufnahme durch die UNESCO) wurde vom Präfekturgouverneur Okinawas mit dem Ziel ins Leben gerufen, Okinawa-Karate in das immaterielle UNESCO-Weltkulturerbe aufzunehmen.

In Okinawa trainieren die Menschen gemeinsam in ihrem örtlichen Dojo, Alter und Geschlecht spielen dabei keine Rolle. Karate schmiedet dabei auch persönliche Verbindungen zwischen ganz unterschiedlichen Leuten – soziale Kontakte, die von Kampfkunstvorführungen bei Festen und in Schulen noch weiter gefestigt werden.

Die Werte des traditionellen Okinawa-Karate und der Austausch kultureller Eigenschaften werden bei der Karatekunst nicht durch Grenzen eingeschränkt. Obwohl Karate eigentlich eine Kampfkunst ist, kann es dennoch einen wertvollen Beitrag zum weltweiten Frieden leisten, da es weder physische noch politische Grenzen kennt. Unser Wunsch ist es, Okinawa-Karate als Beitrag zu einer friedlichen Zukunft für die Welt an künftige Generationen weiterzugeben.

Verfasst mit freundlicher Unterstützung des Okinawa Karate Information Center.

Links zu hilfreichen Websites

Karate-Informationscenter Okinawa
Okinawa Dento Karatedo Shinkokai *Englisch
Okinawa Karate Kaikan *Englisch
Komitee zur UNESCO-Aufnahme des Okinawa-Karate *Englisch
Viel Spaß beim Karate-Tourismus in Okinawa! *Englisch